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Im Bauch des Resonanzraums

3. Juni 2026

Geschätzte Lesedauer: 6 Minute/n

Ich sitze im Schneidersitz auf einem Stahlbett. Um mich herum sind dicke Betonwände, über mir geht es 18 Meter nach oben. Im Boden der Ebene über mir ist ein quadratisches Loch eingelassen, über das eine Treppe von hier auf den Mainfloor führt. Von der massiven Funktion One-Anlage, die dort mit mehreren Boxentürmen und von der Decke herabhängenden Lautsprechern installiert ist, dröhnt industrieller Techno zu mir nach unten – und lässt nicht nur meinen Körper sondern auch die Sitzfläche vibrieren.

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Vor wenigen Stunden bin ich nach meiner Ankunft und dem Umziehen die Stahltreppe zur ersten Ebene hinaufgestiegen. Mit jeder Stufe, die ich der Tanzfläche näher komme, wird das Grinsen auf meinem Gesicht breiter. Oben angekommen schaue ich kurz in das schwarze Loch des Dancefloors: ich sehe tanzende Silhouetten, die sich in aufblitzenden Lichtern bewegen, spüre den tiefen Bass, den schnellen, harten Beat der Musik.

Ich bewege mich links an der tanzenden Menge und dem Darkroom vorbei und finde meinen Platz zum Tanzen links vor der DJ-Booth. Ich brauche keine Aufwärmzeit; mein Körper tut das, was er schon so oft getan hat: er lässt sich von der Musik bewegen und die Musik zieht mich in sich hinein.

In der Dunkelheit lassen sich nur die Menschen direkt neben mir erkennen. Ich schließe immer wieder die Augen, spüre meine Arme durch die Luft gleiten und meine Beine ein Auf und Ab vollführen. Die Musik von Jelena, die gerade auflegt, bewegt mich wie eine Marionette an Fäden in diesem unendlichen Raum. Ich kann jede Zelle meines Körpers wahrnehmen, jede Zelle vibriert. Meinem Mund entfährt ein lautes „Whooooo whooooo“; die Tanzbewegung allein bietet nicht genügend Raum. Ich spüre, wie Schweißtropfen an meinem Körper herunterrinnen. Mein Glitzerstein-Netz-Top ist komplett durchnässt. Die Luftfeuchtigkeit im Raum ist spürbar, es ist heiß – ich liebe es. So vergehen Minuten – oder Stunden. Ich verliere die Wahrnehmung für die Zeit.

Eine Person, die neben mir auf einem Podest tanzt, fächert mir mit einem großen Fächer Luft zu. Sie gestikuliert und gibt zu verstehen, dass sie mag, wie ich tanze. Verlegen von ihrem Kompliment tanze ich weiter. Gleichzeitig freue ich mich darüber, wahrgenommen zu werden. Jetzt fühle ich mich beobachtet. Das bringt mich aus meinem Körper und in meinen Kopf, der nun zu rattern beginnt: „Wie soll ich mich verhalten? Tanze ich jetzt für sie oder für mich? Boah, es ist so heiß hier und die Musik so schnell.“ Ich versuche noch ein paar Minuten, mich wieder von der Musik bewegen zu lassen. Es gelingt mir nicht. Deshalb verabschiede ich mich von der Person auf dem Podest mit einer kurzen Geste und bewege mich an der tanzenden Menge vorbei unter einer Stahltreppe hindurch, die ich kurz darauf hinaufsteige: sie führt mich zum Floor in der zweiten Etage.

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Hier oben ist die Musik housiger, grooviger. Der Raum ist hell genug, dass ich in die Gesichter der Menschen um mich herum schauen kann. Ich erkenne ein paar davon wieder, begrüße sie, interagiere kurz mit ihnen und tanze mich zu meinem Platz vorne rechts. Dort widme ich mich wieder meiner Bewegung zum 4/4 Takt. Auch hier habe ich das Gefühl, dass die Musik mich tanzt, und doch fühlt es sich ganz anders an als auf dem Mainfloor. Meine Bewegungen sind wie die Musik: runder, fließender, weniger abrupt. Auch hier versinke ich gern und zuverlässig im Moment, in der Bewegung. Gleichzeitig bietet die Musik genügend ruhigere Passagen, um mit anderen Menschen Blicke auszutauschen, zu interagieren, gemeinsam zu tanzen. Ich kann andere sehen und bin selbst sichtbar. Das gefällt mir. Mein Tanzen ist extrovertiert – bis ich angesprochen werde und das Tanzen nicht mehr als Kommunikation ausreicht.

Ich habe mich wieder ins Hier und Jetzt getanzt, bin voll drin. Khadija heizt der Menge ein, viele jubeln und feuern sie an. Ich schüttele meine Hüften und Schultern im Takt der Musik, stoße wieder ein „Whooo whooo“ aus. Ich habe das Gefühl, ewig so weitertanzen zu können. Und dann trifft mich ein Lächeln zwischen all den anderen, es bringt mich aus meinem Rhythmus. Ich kenne dieses Lächeln bereits, es zieht mich an, ich muss immer wieder hinschauen. Ich erkenne die Person und ihr Lächeln zuverlässig wieder, wir haben uns schon bei früheren Events angelächelt.

Die bisherigen Versuche meines Gegenübers, ein Gespräch zu beginnen, sind im Lärm der Musik versandet. Ehrlich gesagt habe ich die Lautstärke genutzt, um nicht reden zu müssen, nicht reden zu können. Die Person winkt mir aus der Entfernung zu, ich hebe in einem Reflex meinen Arm nach oben und winke zurück. Auf einmal passt mir die Musik nicht mehr. Das, was sich vorher organisch und vollkommen natürlich angefühlt hat, wirkt auf mich jetzt unbeholfen. Ich traue mich auch nicht zu der Person hinzugehen und „Hallo“ zu sagen. Das ist der Moment, in dem ich beschließe, die Treppen wieder hinabzusteigen, in der Dunkelheit zu verschwinden und mich auf eines der Stahlbetten zu setzen.

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Ich schließe die Augen und beginne zu meditieren. Einatmen. Ausatmen, dabei summen. 10 Mal. Nach dem 10. Summen halte ich die Luft an, solange ich kann. Danach das ganze 9 Mal, 8 Mal, 7 Mal – so lange, bis ich bei einem Atemzug und einem letzten Summen angekommen bin.

Die Musik aus der Funktion-One-Anlage ist weiterhin so laut, dass mein Körper vibriert. Dennoch spüre ich auch das Vibrieren durch mein Summen von innen. Ich spüre meinen Kiefer, meinen Hals und meinen Brustraum schwingen. Auch mein Herzschlag reiht sich in das Orchester ein. Atemzug für Atemzug, Summen für Summen komme ich wieder mehr in Verbindung mit mir selbst, fange wieder an, mich zu spüren. Die Gedankenspirale dazu, dass ich in meinem Alter ganz entspannt mit Menschen interagieren können müsste, versandet in der Verbindung zu meinem Körper. In diesem Moment fühlt es sich sogar so an, als würden sich die Vibrationen von außen mit den Vibrationen von innen synchronisieren, sie miteinander verschmelzen – so wie ich es vom Dancefloor kenne, wenn ich zur Musik werde.

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Nach dem letzten Summen öffne ich die Augen. Ich spüre das Stahlbett unter mir, spüre den Bass, der noch immer durch den Raum wabert, nehme die Musik wieder bewusst wahr. Ich habe die Verbindung zu mir wieder hergestellt, bin ganz da. Ich nehme das Erlebte mit, als ich die Treppen wieder hinaufsteige, um weiter zu tanzen.

An der Bar sehe ich die Person wieder, die mir eben zugewunken hat. Diesmal winke ich ihr aus der Entfernung und gehe langsam auf sie zu. Meine Hände kribbeln, ich spüre meine Aufregung. Ich nehme sie mit und gehe weiter.

„Wir haben uns schon mal hier gesehen, oder?“, fragt sie mich.

„Ja, im Frühjahr“, lächele ich sie an.

„Stimmt, zu Lakutis Set, oder?“

„Ja, genau. Ich freu mich, Dich wiederzusehen. Wie heißt Du?“, führe ich das Gespräch fort. Obwohl ich sie nicht kenne, spüre ich eine zarte Verbindung zu ihr, einen Wunsch nach mehr. Wir reden kurz und tanzen danach eine Weile nebeneinander, bevor sie sich verabschiedet.

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Es ist paradox: hinter diesen dicken Stahlbeton-Mauern spüre ich große Freiheit – die Freiheit, meinen eigenen Resonanzraum zu erkunden, mich zu zeigen, meinen Ängsten zu begegnen, mutig zu sein. Ich weiß, dass dieser Resonanzraum in mir immer da ist; ihn auch im Alltag zu fühlen, fällt mir oft schwer.

Mit einem Lächeln im Gesicht steige ich kurze Zeit später die Stahltreppen hinab, am Mainfloor vorbei zurück zu den Stahlbetten. Hier ziehe ich mich um und verabschiede mich von diesem magischen Ort. Tanzend, versteht sich.

So bewege ich mich auch Richtung Ausgang. „Tschau, habt noch einen schönen Abend!“, sage ich im Rausgehen. „Tschüssi“, entgegnet mir Sven und ich freue mich über seine sanfte Stimme.

Wenn Du selbst spüren willst, wie sich das anfühlt, folge dem Link zu meinem Impuls: Impuls 8 – Der Körper als Resonanzraum

Hallo ich bin Dominik!

Hallo ich bin Dominik!

Ich schreibe auf domibility über Atem, Bewegung und Körperwahrnehmung. Mit Texten, Gedanken und kleinen Impulsen lade ich Dich dazu ein, innezuhalten, wahrzunehmen und bewusster mit Deinem Körper in Kontakt zu kommen.

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