Elf Jahre nach meinem Aufbruch auf den Jakobsweg habe ich zum Jubiläum einen Brief an mein 29-jähriges Ich geschrieben. Im ersten Teil ging es um den ersten Schritt, die aufkommende Einsamkeit und den Moment, in dem ich aufgehört habe, vor diesem Gefühl davonzulaufen.
Gerade liest Du den zweiten Teil. Dieser handelt von einem schweren Verlust und einer Begegnung, die mir tiefe Verbundenheit schenkte.
***
Lieber Dominik,
Du hattest es geschafft, das Gefühl der Einsamkeit da sein zu lassen. Am nächsten Morgen gingst Du weiter. Du spürtest keine große Veränderung, Du fühltest Dich nicht triumphal, weil Du dieses Tal durchschritten hattest und vom Wegesrand aufgestanden warst. Täler und Berge schienen zum Weg dazuzugehören. Du warst gerade auf dem Anstieg eines Berges. Die Sonne strahlte von oben, Schweiß rann über Deine Stirn. Du freutest Dich über die körperliche Anstrengung und sangst gut gelaunt bei einem Lied von Hannes Wittmer mit.
Die Nachricht von Bens Motorrad-Unfall traf Dich eiskalt. Du warst irritiert von der unbekannten Nummer, die Dich anrief. Während Du normalerweise unbekannte Nummern ignoriertest, verleitete Dich irgendein Gefühl in Dir dazu, ranzugehen: „Hallo, hier ist Bens Schwester. Du kennst mich nicht. Wir haben Deine Nummer in Bens Kontakten gefunden. Er ist tödlich mit dem Motorrad verunglückt. Er mochte euch sehr, deshalb wollte ich Dir Bescheid geben.“ Stille. Stillstand. Du konntest weder reden noch Dich weiter den Berg hochkämpfen. Dir rannen Tränen die Wangen hinab.
Ihr kanntet euch noch nicht lange, Ben hatte Dir durch die Sporteignungsprüfung geholfen, ihr wolltet zusammen studieren. Nun standest Du allein da, weinend, in tiefer Trauer über den Tod Deines Freundes. Du fühltest Dich betrogen. Es fühlte sich ungerecht an. „Wieso Ben?“ Wie lange Du da standest, kann ich heute nicht mehr sagen. Vor Dir auf dem Weg lag ein Stein, der Deine Aufmerksamkeit auf sich zog. Du hobst den Stein auf, spürtest seine glatte Struktur. Er war angenehm kühl und fühlte sich geschmeidig an. Du stecktest ihn in Deine Hosentasche und entschiedst, ihn als Zeichen Deiner Verbindung für Deinen Freund bis ans Ende der Welt zu tragen.
Du gingst weiter, mal wieder. Der Himmel, der zuvor noch strahlend blau war, verfärbte sich tiefgrau. Die Sonne verschwand hinter festen Wolken, in der Ferne machte sich ein Gewitter breit. Du gingst weiter. Die Blitze schossen durch den Himmel und schienen fast zum Greifen nah. Der Regen erwischte Dich mit voller Kraft, auch Deine Regenkleidung half nicht. Klatschnass bis auf die Unterhose und aus allen Poren triefend kamst Du an der Unterkunft an. Nach dem Standardprogramm duschen, waschen, kochen, essen setztest Du Dich im Kerzenschein an den Tisch und schriebst einen Abschiedsbrief an Ben. Diesen wolltest Du, zusammen mit dem Stein, bis nach Finisterre tragen, um beides dort den ewigen Wellen des Ozeans zu übergeben.
Die Trauer begleitete Dich auch in den nächsten Tagen. Immer wieder überkam sie Dich ganz unvermittelt und brach in Form von Tränen aus Dir heraus. Weinen war schon immer etwas, was Du nicht zurückhalten konntest. Wenn Du hörtest, Du seist „zu nah am Wasser“ gebaut, hattest Du Dir oft gewünscht, Deine Tränen kontrollieren, sie zurückhalten zu können. Doch das war Dir nicht möglich. Heute sehe ich, dass das Weinen mir immer wieder hilft, meiner Trauer oder anderen starken Gefühlen Raum zu geben, ihnen Ausdruck zu verleihen; ich erkenne es als Superkraft.
In Deiner Trauer, Deinem Weinen steckte schon immer ganz viel Sanftmut Dir selbst gegenüber. So warst Du auch am Tag nach dieser Nachricht sehr sanft zu Dir, obwohl die kurze Strecke nach Dijon Dir endlos erschien und das Gehen sich schwer anfühlte mit der Last des Verlustes auf Deinen Schultern. Du hattest in Dijon einen Pausentag eingeplant. Das gab Dir die Möglichkeit, Dich gut um Dich zu kümmern, frisches Essen zu kaufen und ausführlich zu kochen. Du genosst die Pause in Dijon, dieses Ausbrechen aus der neuen Routine. Morgens im Bett liegen bleiben. Mal nicht packen, sondern die Sachen einfach im Zimmer liegen lassen. Ohne Gepäck durch die Gassen schlendern, das Leben einer geschäftigen Stadt aufsaugen und so der Nachricht vom Tod entkommen.
Du verließt Dijon an einem Sonntag. Auf dem Weg aus der Stadt hinaus, kamst Du an einer Kirche vorbei. Sie zog sich in Dich hinein; Kirchen kanntest Du aus Deiner Kindheit und Jugend. So ambivalent die Gefühle der Institution gegenüber auch waren, so vertraut warst Du mit den Gebäuden: mit ihren dicken Mauern, ihren hohen Decken, dem gedämpften Licht und der Stille, die hier so unüberhörbar laut ist. Du zündetest eine Kerze für Ben an und setztest Dich in eine der leeren Reihen. Du richtetest noch ein paar Worte an ihn.
Dann gingst Du weiter. Schritt für Schritt. Du spürtest das Gefühl der Einsamkeit wieder, es vermischte sich mit Deiner Trauer. In den Phasen, in denen Dir die Stille unerträglich schien, half Dir die Musik. Patrice war ein ständiger Begleiter auf Deinen Kopfhörern, sein „Venusia“ berührte etwas in Dir, was Du nicht auf rationaler Ebene verstehen konntest. Dennoch sprach er Dir mit seinem Text aus der Seele und löste regelmäßig eine Gänsehaut in Dir aus:
„Once you're ready to die, you'll live forever
Once you're ready to cry, you're truly alive
And this life is not about being clever
It's about making the love of your life“
(Patrice - Venusia)
Du weintest und gingst weiter. In Dir bewegte sich viel – und Du bewegtest Dich viel: Du legtest 140 Kilometer in drei Tagen zurück und hast Deine Trauer als Motor genutzt.
Als Du Dich an diesem Tag Deinem Ziel Cluny nähertest, waren die schmalen Gassen in das warme Gelb der Abendsonne gehüllt. Nach dem standardmäßigen Abendeinkauf kehrtest Du im Cluny Séjour ein; an diesem Abend hattest Du ein 6er Zimmer für Dich allein.
Am nächsten Morgen fiel Dir schon beim Frühstück ein anderer Pilger auf. Du fühltest Dich sofort mit ihm verbunden. Dennoch trautest Du Dich nicht, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen und ihn anzusprechen. Also weiter in der gewohnten Routine: frühstücken, Rucksack packen, losgehen. Schon beim Losgehen merktest Du, dass Du Dich selbst dafür geißelst, dass Du die Person beim Frühstück nicht angesprochen hast. Während Dein innerer Richter Dir deswegen noch Vorwürfe machte, beschleunigtest Du Deinen Schritt. Es könnte ja sein, dass Du den anderen Pilger einholst und doch noch die Chance hättest, mit ihm zu sprechen.
Du gingst eine Steigung hoch und ähnlich wie bei den Schiffen am Horizont erschloss sich mit jedem Schritt ein Körperteil mehr in der Ferne. Erst der Kopf, dann der Rucksack, dann die Beine. Du warst schnell genug, um ihn einzuholen und schon ganz nah. Du spürtest, wie Dein Herz schneller schlug. Deine Hände wurden feucht. Du atmetest noch einmal durch. Mit einem kurzen „Hi“ schlosst Du zu ihm auf. Da war er.
„Hi, I’m Michael“.
„Hi, I’m Dominik, nice to meet you.“
„Du sprichst deutsch, oder?“
„Ja, schön nach so langer Zeit einen anderen Pilger zu treffen.“
Du hattest Dich getraut, nun warst Du mittendrin. Die Verbindung, die Du schon im Frühstücksraum gespürt hattest, wurde nun real: Ihr verstandet euch von der ersten Sekunde an, wart auf einer Wellenlänge. Michael war auch von zu Hause gestartet und hatte schon eine lange, einsame Strecke hinter sich. Die Abwechslung dieser Begegnung kam euch beiden gelegen. Du spürtest, dass diese Begegnung auf Gegenseitigkeit beruhte. Das machte es Dir leichter, Dich zu öffnen und gleich in die Themen einzusteigen, die Dich wirklich beschäftigten.
Michael hatte viel Verständnis für Deinen Jobausstieg. Er war die erste fremde Person, mit der Du über Deine Herausforderungen in romantischen Beziehungen gesprochen hattest. Viele weitere Themen verbanden euch und zum ersten Mal in Deinem Leben nahmst Du bewusst wahr: Du bist nicht alleine mit Deinen Herausforderungen. Michaels Spruch „Die Mischung macht’s!“ begleitete Dich noch lange auf Deinem Weg. Er berührte viel in Dir, schließlich schwanktest Du häufig zwischen ganz oder gar nicht, zwischen null oder eins.
Die Kilometer verflogen in euren Gesprächen und ihr wart euch schnell einig, dass ihr in der gleichen Unterkunft übernachten würdet. Eure Abläufe verschmolzen zu einem gemeinschaftlichen: tausende Schritte machen, währenddessen reden, Pause, tausende Schritte machen, währenddessen reden, Pause, tausende Schritte machen, währenddessen reden, in der Unterkunft ankommen, sich bekochen lassen, währenddessen reden, essen und den Abend gemeinsam ausklingen lassen. Als Du an diesem Abend ins Bett gingst, spürtest Du eine Zufriedenheit, eine Fülle, die Du lange nicht mehr gespürt hattest.
Auch der nächste Tag verflog in eurem Austausch. Michael passte seine Strecke für Dich an und legte mit Dir eine längere Strecke zurück, als er es für diesen Tag geplant hatte. Eure Verbindung war stark, eure Gespräche befriedigend, sie füllten Dich auf. Als ihr am Abend an der Unterkunft ankamt, hatte der kleine Laden in Le-Cergne bereits geschlossen, in dem ihr noch etwas zu trinken kaufen wolltet. Die Vermieterin eurer Unterkunft fuhr extra nochmal zu euch, um euch mit Wasser und zwei Bieren zu versorgen. So ließt ihr den Tag entspannt auf einer Veranda mit selbstgekochtem Essen und einem Prost auf den Weg ausklingen.
Der nächste Tag startete sonnig und führte euch durch einen schattenspendenden Wald, in dem Douglasien einen intensiven, zitrusartigen Geruch verbreiteten. Die kurze Strecke nach Charlieu kam Michaels schmerzender Wade gelegen. In Charlieu warst Du mit Freund*innen aus dem Saarland verabredet, die sich auf dem Weg in ihren Sommerurlaub befanden. Ihr wartetet in Charlieu in einem Café auf Deine Freunde und versuchtet eine gemeinsame Unterkunft für diesen Tag in Charlieu zu finden, doch das gestaltete sich schwierig: Es gab nur noch ein freies Bett vor Ort.
Deine Freunde kamen an und ihr begrüßtet euch mit der Wärme der jahrelangen Vertrautheit, auch wenn ihr gerade weniger Kontakt hattet. Und während ihr euch über die alten Zeiten und die neuen Pläne unterhieltet, konntest Du in Michaels Gesicht einen Ansatz von Verzweiflung erkennen; er starrte auf sein Handy und suchte nach Unterkünften. Doch es war nichts zu finden und für ihn war weitergehen an diesem Tag keine Option.
Nachdem sich Deine Freund*innen verabschiedet hatten, um sich auf den weiteren Weg in den Urlaub zu machen, warst Du mit Michael allein. Die Gewissheit, dass ihr euch an dieser Stelle des Weges trennen würdet, machte euch beide traurig. Ihr trankt zum Abschluss noch einen Kaffee und ließt die letzten beiden Tage Revue passieren; es fühlte sich an, als würdet ihr euch schon jahrelang kennen.
Der Moment des Abschieds fiel euch beiden schwer, ihr zögertet ihn hinaus, gingt nochmal zusammen in den Supermarkt, genosst noch ein wenig die Anwesenheit des anderen, um dann das Unvermeidliche zu machen: euch zum Abschied ein letztes Mal zu umarmen. In dieser Umarmung steckte die Freude über die gemeinsamen Tage und die Trauer darüber, dass keine weiteren folgen würden.
Dann gingst Du weiter. Wie groß Deine Trauer war, merktest Du erst, als Du wieder allein warst und die Tränen aus Dir herausbrachen. Gleichzeitig gingst Du mit leichtem Schritt und legtest die restlichen zehn Kilometer bis zur nächsten Ortschaft schnell zurück: Du warst wieder auf Deinem Weg.
***

***
Wenn ich heute an Ben denke, spüre ich ein warmes Gefühl, eine Dankbarkeit dafür, dass ich ihn kennenlernen durfte. Die Trauer ist noch da, doch sie ist leiser geworden. Beim Gedanken an Michael spüre ich große Freude, wir haben immer noch Kontakt. Die Freude steht für alle Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet und ihn für immer verändert haben.
Gibt es einen Menschen, dem Du auf Deinem Weg begegnet bist und der etwas in Dir verändert hat? Ich freue mich, wenn Du es mit mir in den Kommentaren oder persönlich per Mail teilst. Die weiteren Teile des Briefes folgen in Kürze.
Dieser Text ist zuerst in meinem Newsletter „Brief von Dom" erschienen. Wenn Du möchtest, dass ich solche Briefe künftig direkt in Dein Postfach schicke, kannst Du ihn hier abonnieren.
0 Kommentare