Am 17. Juli 2015 bin ich den ersten von knapp fünf Millionen Schritten meines Jakobswegs gegangen. Meine Reise hat mich in 88 Tagen über mehr als 3.000 km von Köln nach Santiago de Compostela (und weiter bis Finisterre) geführt. Zum Jubiläum habe ich elf Jahre später einen Brief an mein 29-jähriges Ich geschrieben. Dies ist der erste Teil.
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Lieber Dominik,
heute vor elf Jahren hast Du Dich auf den Weg gemacht. Du warst wild entschlossen, die über 3.000 km lange Strecke von Köln nach Santiago de Compostela zu erwandern. Mit diesem Willen hast Du am 17. Juli 2015 den ersten Schritt vor Deine Haustür gesetzt und es sollten ein paar Millionen folgen.
Die geplanten 100 Tage waren ein Ausbrechen aus Deinem alten Leben. Du wolltest fliehen aus einem Leben, das Dir zwar die finanzielle Absicherung bieten konnte, die Du aus Deiner Familie nicht kanntest, das Dich aber ansonsten unglücklich zurück ließ. Du hattest schon lange nicht mehr gebrannt für Deine Arbeit. Mit der Zeit wurde das Bedürfnis zu kündigen immer stärker, bis Du es nicht mehr ignorieren konntest.
Du hattest während Deiner letzten Arbeitswochen Deine Route minutiös vorbereitet, am ultraleichten Equipment gefeilt und letztlich doch vergessen, Deine Laufschuhe auch beim Wandern auszuprobieren. Dann, knapp drei Wochen nach Deinem letzten Arbeitstag war der große Tag gekommen. Ich bewundere Dich für den Mut und die fast schon naive Leichtigkeit, mit denen Du Dich auf den Weg gemacht und einfach einen Fuß vor den anderen gesetzt hast. Immer und immer wieder. Genauso repetitiv wie das Gehen selbst kam vom ersten Tag an eine Frage immer und immer wieder in Deinen Kopf: „Was tue ich hier eigentlich?“
Diese Frage mit dem nötigen Abstand zu beantworten, wurde schon am dritten Tag richtig schwer. Die Blasen an Deinen Füßen wurden immer größer und schmerzten bei jedem der 50.000 Schritte. Mit den Blasen und den ersten Widrigkeiten kamen auch die ersten Gedanken ans Aufgeben. Als Du abends mit Deinen Eltern telefoniertest, lachte Dein Vater über Dein „Jammern“ so früh auf der Reise; das hat Dich nur noch mehr angespornt und wir beide wissen: Wirklich aufgeben wolltest Du auf Deiner ganzen Reise nur einmal.
Mit jedem Schritt hast Du Dich ein Stückchen weiter von Deinem gewohnten Alltag entfernt und an seine Stelle ist etwas Neues getreten: Frühstücken, Rucksack packen, tausende Schritte machen, Pause, tausende Schritte machen, Pause, tausende Schritte machen, in einer Unterkunft ankommen, duschen, waschen, kochen, essen, schlafen. Und das Ganze wieder von vorne. Was sich in den ersten Tagen schwer und langwierig anfühlte, war nach einer Woche bereits leicht geworden. Mit der Gewohnheit und Sicherheit in dem einen kamen die Herausforderungen im anderen.
Damals wusstest Du noch nicht, dass Einsamkeit ein Thema für Dich ist. Du warst Dein Leben lang in Beziehungsgeflechte aus Familie, Freund*innen und Partnerpersonen verstrickt und hattest gelernt, Deine Bedürfnisse hintenanzustellen. Damit, wie es Dir wirklich ging, wolltest Du niemanden belasten; schließlich hattest Du alles, was sich andere für Dich gewünscht hatten. Nun nahmst Du zum ersten Mal in Deinem Leben eine Einsamkeit in Dir wahr, die Dich regelrecht durchbohrte. Du sehntest Dich schon nach ein paar Tagen nach Verbindung, nach Nähe zu Menschen, die Du kennst.
Du warst noch nicht an dem Punkt, dieses Gefühl als Einsamkeit benennen zu können, da trafst Du auf bekannte Gesichter. Erst begleiteten Dich Katrin und Daniel an Tag sieben: Mit ihnen verflogen die Kilometer im strahlenden Sonnenschein, Du fühltest Dich leicht und unbeschwert. Danach wurde das Gefühl wieder stärker und die Einsamkeit begann sich in Dir auszubreiten, bevor Du bei Deinem Bruder, seiner Partnerin und Emil, dem jungen Entlebucher Sennenhund einkehrtest. Mit diesem Stück zu Hause verflog das Gefühl und flammte nur beim Abschied kurz auf. Direkt danach wurde Dein Bedürfnis nach Verbindung ein letztes Mal bei Familie und Freund*innen im Saarland befriedigt.
Als Du am 03. August in Saarbrücken über die deutsch-französische Grenze gingst, hast Du endgültig das Bekannte hinter Dir gelassen. Genauso unbekannt wie der Weg fühlte sich das immer größer werdende Gefühl der Einsamkeit an. Nun gab es niemanden mehr, mit dem Du diesem Gefühl begegnen konntest: Nur noch Dich selbst.
Doch die Einsamkeit war nicht Deine einzige Begleiterin. Ich sehe Dich noch heute vor meinem inneren Auge, wie Du immer wieder singend durch die Felder gestreift bist, tanzend, mit so großer Zufriedenheit, wie Du sie lange nicht mehr gespürt hattest. Der Weg brachte auch diesen spielerischen Teil in Dir wieder hervor. So hüpftest Du wie ein junges Reh durch die sattgrünen Wälder Lothringens, begleitet von großer Erleichterung über die Entscheidung, Dich auf den Weg gemacht zu haben. Der Abstand von Deinem Alltag, die körperliche Herausforderung der täglichen Etappen und das Gehen an der frischen Luft sorgten dafür, dass Du wieder eine stärkere Verbindung zu Deinem Körper, zu Dir selbst spürtest.
Wahrscheinlich hat genau diese wachsende Verbindung das Fühlen der Einsamkeit in dieser Intensität überhaupt erst ermöglicht. Hin und wieder fühlte sie sich so überwältigend für Dich an, dass Du versuchtest, der Einsamkeit mit einer Strategie Einhalt zu gebieten, die ich auch heute noch gerne anwende: Vermeidung. Der Griff zum Smartphone eignete sich perfekt dazu und Musik auf den Ohren übertönte die Einsamkeit für einen kurzen Moment. Währenddessen wurde die Frage „Wieso tue ich mir das hier an?“ immer brennender.
Die „sportliche Herausforderung“ der 60 Kilometer langen Strecke von Saint-Avold nach Metz, die Du an einem Tag zurücklegtest, fühlt sich aus heutiger Sicht wie der Versuch an, der Einsamkeit davonzulaufen. Abends lagst Du nach dem Essen körperlich erschöpft im Bett und für diesen Abend kehrte Ruhe in Dir ein. Doch einen Tag später machte sich das Gefühl der Einsamkeit wieder breit, diesmal noch stärker als zuvor.
Vier Wochen nach dem Start warst Du an dem Punkt angekommen: Du hattest keine Lust mehr weiterzugehen, warst kurz davor alles hinzuwerfen und hast zum ersten und einzigen Mal auf dem Weg nach Zugverbindungen nach Hause gesucht. Die Intensität der Einsamkeit fühlte sich so an, als könntest Du sie nicht aushalten. An diesem Tag lief nichts rund. Ich sehe Dich am Wegesrand sitzen, der Weg vor Dir blockiert von umgefallenen Bäumen und wucherndem Gestrüpp. Du hattest Dich verlaufen, Dein Wasser für den Tag schon aufgebraucht und Du hattest das Gefühl zu verdursten. Tränen liefen über Deine Wange, Du hast geschrien. Deine Verzweiflung spiegelt sich in Deinem Tagebucheintrag wider:
„Ich hab geflennt wie ein kleines Kind, habe geflucht, weil gefühlt 1000 Mücken um meinen Kopf geschwirrt sind und weil ich mich selbst angekotzt hab und hab mich für jeden Schritt verflucht. Dann hab ich mich zu alledem noch verlaufen. Ich wäre am Liebsten einfach am Rand sitzen geblieben und nicht mehr weiter gegangen. Ich hab menschliche Nähe so vermisst, dass ich am Liebsten alles hingeschmissen hätte, um nach Hause zu fliegen und meine Freundin zu umarmen. Einfach nur im Arm halten. Ganz fest.“
Du saßt am Wegesrand mit der Einsamkeit, mit diesem scheinbar nicht auszuhaltenden Gefühl. Zum ersten Mal hattest Du keine Kraft mehr, ihr davonzulaufen. Dann bist Du irgendwann aufgestanden und hast wieder einen Fuß vor den anderen gesetzt. Schritt für Schritt bist Du weiter gegangen und hast daran festgehalten, dass Du irgendwann ankommen wirst. Nass geschwitzt und mit Salzkrusten im Gesicht erreichtest Du nach einer schier endlosen Zeit einen Brunnen.
Das Wasser, dieses Lebenselixier, über das Du Dir sonst in Deinem Leben selten Gedanken gemacht hattest, verlieh Dir so viel Energie, dass Du danach Teile der verbleibenden Wegstrecke bis zur Unterkunft im Laufschritt absolviert hast.
Du hattest Dich tagsüber am Telefon mit Deinem Schulfranzösisch abgemüht, um bei der Unterkunft ein Zimmer zu erfragen. Dort angekommen begrüßte Dich der Gastgeber – ein deutscher Auswanderer – mit den Worten: „Du siehst aus, als könntest Du ein Bier vertragen.“ Nie zuvor und nie wieder danach in Deinem Leben hat ein Bier so gut geschmeckt.
Nach einer Dusche hast Du Dich zum gemeinsamen Abendessen begeben und dort neben leckerem Essen auch gute Gespräche mit den ebenfalls deutschsprachigen Freund*innen der gastgebenden Familie geführt. Anschließend hast Du Dich mit den anderen nach draußen in den lauwarmen Sommerabend gesetzt und Dir wurde klar, dass heute eine der Perseiden-Nächte ist.
Tagsüber hattest Du noch weinend am Wegesrand gesessen, am Ende Deiner physischen und psychischen Kräfte, kurz vor dem Aufgeben. Nun tat sich über Dir der Himmel von Grancey-le-Château auf, an dem die Sterne so klar waren, dass er Dich an Nächte Deiner Jugend im Saarland erinnerte. Und obwohl niemand mehr sprach, verband uns jede einzelne Sternschnuppe, die vom Himmel fiel.
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Dieser Brief an mein elf Jahre jüngeres Ich hat viel in mir bewegt. Manches an ihm rührt mich, manches würde ich ihm gern ersparen, vieles hat mein 29-jähriges Ich schon intuitiv gewusst, ohne es zu wissen.
Was würdest Du Deinem jüngeren Ich schreiben oder sagen? Ich freue mich, wenn Du es in den Kommentaren oder persönlich per Mail teilst. Im zweiten Teil des Briefes geht es um einen schweren Verlust und eine Begegnung, die mir tiefe Verbundenheit schenkte..
Dieser Text ist zuerst in meinem Newsletter „Brief von Dom" erschienen. Wenn Du möchtest, dass ich solche Briefe künftig direkt in Dein Postfach schicke, kannst Du ihn hier abonnieren.
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