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Brief 3: Der Weg gibt Dir, was Du brauchst

19. Sep. 2026

Geschätzte Lesedauer: 10 Minute/n

Elf Jahre nach meinem Aufbruch auf den Jakobsweg habe ich zum Jubiläum begonnen, Briefe an mein 29-jähriges Ich zu schreiben Im ersten Teil ging es um meinen Aufbruch und das starke Gefühl der Einsamkeit, im zweiten Teil um einen schweren Verlust und die erste Begegnung mit einem anderen Pilger. Dieser dritte Teil erzählt, wie aus dem Alleinsein eine Gemeinschaft wurde, die ich mir nicht schöner hätte wünschen können.

Lieber Dominik,

Du warst also wieder allein unterwegs. Die zwischenmenschliche Verbindung mit Michael hatte Dir geholfen, das Gefühl der Einsamkeit zu vergessen. Du hattest an den Vortagen etwas kürzere Strecken zurückgelegt. An diesem Morgen wachtest Du früh auf und spürtest ein Kribbeln im Bauch – und in den Beinen: Du konntest es kaum erwarten, weiterzugehen.

„Der Weg gibt Dir was Du brauchst“ ist ein oft genutzter Satz unter Pilgernden. Du fandest zurück in Deinen ganz eigenen Rhythmus. Alleine zu Pilgern erleichterte es Dir, mit Dir selbst in Verbindung zu kommen und Deine Bedürfnisse wahrzunehmen: Du gingst in Deinem Tempo, machtest Pausen in Cafés, wann und wie lange Du wolltest und legtest dennoch in fünf Tagen 200 Kilometer bis Le-Puy-en-Velay zurück. Dort hattest Du den nächsten Pausentag eingeplant.

In Le-Puy-en-Velay, ebenfalls einem beliebten Startpunkt für den Jakobsweg, genossest Du das geschäftige Treiben. Viele Pilgernde starteten hier. Als Du an Deinem Pausentag den steilen Berg zur Kathedrale hinauf krochst, kamen Dir viele frisch aussehende Pilgernde entgegen. In einem kleinen Shop neben der Kathedrale schautest Du Dich um. Dir fiel eine Person mit einem riesigen Rucksack auf, die gerade ihren Pilgernden-Ausweis ausfüllte. Du spürtest den Impuls, die Person anzusprechen, doch bevor Du den ersten Schritt machen konntest, hatte Dein Kopf Dir bereits verschiedene Gründe zwischen die Ohren geworfen, wieso das keine gute Idee sei. Das kurze Zögern war ein bisschen zu lange und dann trautest Du Dich nicht mehr. In Deinem Tagebuch schriebst Du: „Aber bei seinem Gepäck überhole ich ihn wohl auch bald.“ Doch damit lagst Du falsch, Du solltest die Person nicht wieder sehen.

Ob Dein Bedürfnis nach Verbindung durch die verpasste Chance zunahm? Es wurde von Tag zu Tag spürbarer und mit dem wachsenden, unerfüllten Bedürfnis wurde auch Deine Einsamkeit wieder deutlicher. Erst fühlte sich das Gehen schwerer an, dann schwand Deine Energie: Du machtest mehr Pausen, die Schultergurte Deines Rucksacks nervten auf einmal und die Sonne brannte zu heiß auf Dich herab.

Auf dem Weg von Aubrac nach Estaing entdecktest Du das Schreien als Ventil für Deine starken Gefühle wieder: Du schriest aus voller Kehle. Es war energieraubend und energetisierend zugleich. Anschließend schicktest Du auf den Knien einen Wunsch ans Universum, so wie es Hape Kerkeling in „Ich bin dann mal weg“ vorgeschlagen hatte: „Liebes Universum, ich will einen oder mehrere Weggefährten, egal ob männlich oder weiblich, die in meinem Alter sind und eine Sprache sprechen, die ich verstehe.“

Du quältest Dich den Berg hinauf. Der grobkörnige Kies des Weges war durchsetzt mit dicken Steinen. Dennoch wurde das Gehen wieder leichter. Oben angekommen öffnete sich der Blick auf Estaing, den Ort, in dessen Herberge Du übernachten wolltest. Du spürtest eine Erleichterung. Dein Körper war schon müde und Du hattest Dein Ziel bald erreicht. Auf dem Weg nach unten warst Du in Gedanken versunken und freutest Dich schon auf die hoffentlich warme Dusche.

Als Du gerade dabei warst, der Linkskurve des Weges zu folgen, sahst Du geradeaus drei Menschen an einer kleinen Wasserstelle sitzen. Ein Hund sprang freudig zwischen ihnen und der Wasserstelle hin und her, schleckte mit der Zunge die von einem Wasserhahn herunterfallenden Wassertropfen und wedelte mit dem Schwanz.

Du spürtest den Impuls, die Menschen anzusprechen, gleichzeitig zögertest Du wieder. Dein Schritt verlangsamte sich. Ich kann Dir noch heute beim Denken zuschauen, beim Abwägen, ob Du geradeaus oder links gehen sollst, beim Nachdenken, was Du sagen könntest. Du entschiedest Dich, geradeaus zu gehen, sagtest „Hi“, nahmst Deine nahezu volle Wasserflasche aus dem Seitenfach des Rucksacks und gingst zur Wasserstelle, um die Flasche aufzufüllen.

„Hey, where do you go to?“ Schon warst Du im Gespräch. Charlotte, Ornella und Maarten hatten sich auch erst an diesem Tag zusammengefunden; sie nahmen Dich schon nach den ersten paar Sätzen auf und fragten Dich, ob Du mit ihnen nach Estaing gehen wolltest. Sie hatten sich dort bei einer Donativo angemeldet, einer Herberge auf Spendenbasis, in der Pilgernde häufig auch eine Mahlzeit erhalten. Charlotte rief für Dich bei der Donativo an, um zu fragen, ob noch ein weiteres Bett frei ist; das war nicht der Fall. Also gingt ihr zusammen nach Estaing und verabschiedetet euch an der Donativo: „Let’s meet tomorrow morning and go together.“ Die mündliche Verabredung für den nächsten Tag stand, als Du Dich in der öffentlichen Herberge in Dein Bett legtest und nach diesem langen, anstrengenden Tag einschliefst wie ein Baby.

Am nächsten Morgen warst Du früh wach. In den öffentlichen Herbergen ging es morgens häufig wuselig zu; Menschen wollten sich so schnell es ging auf den Weg machen. Du wusstest, dass Du heute etwas mehr Zeit hattest und übernahmst das Abtrocknen des Geschirrs für die ganze Herberge, da die meisten Pilgernden ihre Sachen zum Lufttrocknen stehen ließen. Als Du von einer Reinigungskraft auch so langsam aus der Herberge gekehrt wurdest, war es kurz vor 9 Uhr.

Draußen regnete es. Du gingst zum Café an der Ecke, in dem ihr euch treffen wolltet, und bestelltest einen Espresso. Die drei waren noch nicht zu sehen. Du wurdest schnell ungeduldig: „Soll ich wirklich warten? Dann muss ich mein Tempo wieder anpassen. Ich hab keine Lust, hier rumzusitzen und zu warten. Das Wetter ist schlecht und ich möchte loskommen.“ Du warst innerlich hin- und hergerissen. Die Wahrscheinlichkeit, Charlotte, Ornella und Maarten wiederzusehen, wenn Du jetzt allein starten würdest, war gering. Du hattest am Tag zuvor bereits erfahren, dass sie weniger Kilometer pro Tag zurücklegten; Maartens Rucksack wog mindestens 15 Kilogramm, er hatte ein Zelt dabei. So standest Du unter der Markise des Cafés, Deine Ungeduld ließ weiter Deine Gedanken kreisen und ich frage mich heute, was Dir die Ungeduld sagen wollte. War es die Sorge, dass die Verbindung zu gut werden könnte und damit der zwangsläufige Abschied zu traurig? Oder war es eher die Sorge, doch nicht so gut anzukommen, nicht akzeptiert, nicht geliebt zu werden?

Während sich Deine Gedanken noch darum drehten, wieso das Warten gerade nervig für Dich ist, kamen die drei um die Ecke. Ihr Grinsen wurde breiter. Du sahst ihre Freude, Dich zu sehen, in ihren Gesichtern. Ihr begrüßtet euch nacheinander mit einer warmen Umarmung. „We need another coffee before we go.“ Du trankst geduldig einen weiteren Espresso. Ihr lachtet bereits in diesem Café so viel zusammen, dass Dir warm ums Herz wurde.

Ihr startetet auf den Weg und nach ein paar Kilometern stand das nächste Highlight auf dem Programm: Du hattest die Hälfte Deines Weges erreicht. 1.600 Kilometer! Für Menschen, die Dich gerade mal ein paar Stunden kannten, stellte sich nicht die Frage, ob sie mit Dir feiern sollten: Natürlich taten sie es. Ornella hatte das Lied „I’m gonna be“ von The Proclaimers auf ihrem Handy und dieses Lied schallte nun durch den Wald, als ihr auf dem Weg einen gemeinsamen Tanz auf den Asphalt legtet. Dir kamen die Tränen. Maarten packte danach seinen Hula-Hoop-Reifen aus und zeigte zur Feier des Tages eine kleine Show für Dich. Deine Versuche, den Reifen um Deine Hüften kreisen zu lassen, endeten in großem Gelächter bei euch allen.

In der Mittagspause spracht ihr über die nächste Unterkunft. Charlotte, Ornella und Maarten hatten bereits gestern die nächste Donativo reserviert; auch hier übernahm Charlotte, deren Erstsprache Französisch war, wieder das Anrufen für Dich. Sie schaute etwas irritiert drein, als sie nach veganer Verpflegung fragte. „Der Chef meinte, dass wir Dich einfach mit Wein abfüllen und dann wirst Du schon alles essen…“

Puh, das hat gesessen. Dir steckte ein Kloß im Hals. Das war die Art von vermeintlichen Witzen, mit der Du nur sehr schlecht umgehen konntest. Verdaddert äußertest Du Deinen Unmut über solche Aussagen. Auch Charlotte war ihre Unsicherheit im Umgang mit der Situation anzumerken. „Er hat am Ende noch sowas gesagt wie: Kriegen wir schon hin. Lass uns hingehen und schauen, das wird schon passen.“

Für die restlichen Kilometer bis zur Herberge tobte ein Kampf in Dir. Die Angst, dass es eben nicht passen könnte, war groß. Du warst kurz davor, alles abzusagen und einfach weiterzugehen, Dein Ding zu machen. „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst“ kam Dir wieder in den Sinn und mit diesem Gedanken betratst Du das Gelände, auf dem sich die Donativo befand. Du batest Charlotte, direkt mit Dir zu den Besitzer*innen zu gehen und die Frage nach dem Essen zu klären. Die Besitzerin sagte nur: „Ja, die Witze meines Mannes waren auch schonmal besser. Es ist alles vorbereitet, macht euch keine Gedanken.“ Mit der Übersetzung von Charlotte sanken Deine Schultern ein Stückchen nach unten, Dein Nacken entspannte sich. Anschließend führte euch die Besitzerin über das Grundstück. Es war verwinkelt, wild bewachsen, mit Erdhügeln und kleinen Nischen, die über schmale Wege miteinander verbunden waren. Sie zeigte euch eure Schlafplätze in einer Jurte und nun kehrte die Entspannung auch in Dein Gesicht zurück: Deine Mundwinkel gingen nach oben.

Du hattest Dich den ganzen Tag im Vertrauen geübt und das zahlte sich nun aus. Ihr aßt mit vielen anderen Pilgernden an einer langen Tafel. Die geschmorten Paprika waren so zart, dass sie nahezu auf Deiner Zunge zerflossen. Der Rotwein schmeckte fruchtig und hatte genau die Trockenheit, die Du magst – damit hätten sie Dich wirklich abfüllen können. Nach dem Essen bekamen alle die Möglichkeit, sich vorzustellen, zu sagen, wo sie losgegangen waren und was ihr Ziel ist. Für alle, die in einem Stück von zu Hause bis nach Santiago gehen wollten, gab es lauten Beifall und Jubelrufe. Für die Hälfte Deines Weges, die 1.600 Kilometer, gab es einen Extra-Applaus. Obwohl Du Dich insgeheim nach Anerkennung sehntest, danach gesehen zu werden und diesen Applaus dementsprechend genossest, war Dir das fast schon wieder zu viel Aufmerksamkeit, zu viel Im-Mittelpunkt-Stehen.

An diesem Abend fielst Du in Dein Bett. Dein Körper war schwer wie ein Stein und wohlig warm. Mit einem Lächeln sagtest Du zu Maarten, der neben Dir lag: „Gute Nacht!“ und schliefst direkt ein.

Dominik beim Versuch, auf dem Jakobsweg einen Hula-Hoop-Reifen um seine Hüften kreisen zu lassen
Der Hula-Hoop-Reifen und ich

Wenn ich heute an diese Tage zurückdenke, spüre ich noch immer eine Wärme um mein Herz. Der Weg hat mir genau in dem Moment, in dem ich am lautesten danach gerufen habe, das geschenkt, was ich mir so sehr gewünscht habe: das Gefühl, dazuzugehören.

Gab es in Deinem Leben auch einen Moment, in dem Du bekommen hast, was Du am dringendsten gebraucht hast? Vielleicht gerade als Du es am wenigsten erwartet hast? Wenn Du magst, erzähl mir davon in den Kommentaren oder per Mail. Ich lese jede Mail und antworte persönlich. Der nächste Brief folgt in Kürze.

Dieser Text ist zuerst in meinem Newsletter „Brief von Dom" erschienen. Wenn Du möchtest, dass ich solche Briefe künftig direkt in Dein Postfach schicke, kannst Du ihn hier abonnieren.

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