Elf Jahre nach meinem Aufbruch auf den Jakobsweg habe ich zum Jubiläum begonnen, Briefe an mein 29-jähriges Ich zu schreiben. In den ersten drei Briefen ging es um den Aufbruch und die Einsamkeit, um einen schweren Verlust und erste Begegnungen, und schließlich um eine Gemeinschaft, die ich mir nicht schöner hätte wünschen können. Dieser vierte Brief erzählt, wie diese gemeinsame Zeit zu Ende ging und wieso die Verabschiedung mit Schwere und gleichzeitig mit Leichtigkeit einherging.
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Lieber Dominik,
am nächsten Morgen fielen durch die runde Öffnung am höchsten Punkt der Jurte Sonnenstrahlen auf Dich herab. Du wurdest wach und ließt die Augen noch geschlossen. Morgens brauchst Du ein paar Minuten für Dich und hier warst Du so entspannt, die Dir zu nehmen. In Wellen fluteten Geräusche Deine Ohren, die Du auch schon aus anderen Herbergen kanntest: Menschen begannen, ihre Taschen zu packen und sich für ihr Weitergehen vorzubereiten. Du atmetest noch dreimal tief durch und öffnetest dann auch die Augen. Maarten lag neben Dir, ebenfalls mit offenen Augen, und grinste Dich an: „Good morning!“
Ihr verließt als Letzte die Jurte. Charlotte und Ornella waren bereits am Frühstückstisch und winkten euch von Weitem zu, jeweils ein Marmeladen-Baguette in der Hand. Ihr geselltet euch dazu und begannt ebenfalls, euch Frühstück zuzubereiten. Du hattest bereits verdrängt, dass heute Ornellas letzte Etappe sein würde. Ihre Reise würde in Conques enden. Schon wieder stand ein Abschied an.
Vor dem Losgehen aus der Donativo batet ihr einen der Mitpilgernden, ein Gruppenfoto von euch vier zu machen. Ihr wart kaum losgegangen, da machtet ihr auch schon wieder eine Pause, um bei einem Espresso nochmal den Abend in der Donativo Revue passieren zu lassen. Generell herrschte unterwegs gute Stimmung; die Sonne wärmte euch und tauchte die umliegenden Wälder in ein honigfarbenes Grün. Ihr bliebt immer wieder für die Ausblicke in die sich weit vor euch erstreckende Landschaft stehen. Der Abschied von Ornella lag schon irgendwie in der Luft, doch in dieser Gemeinschaft fiel es Dir leicht, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, wenn sie kommen.
Ihr bewegtet euch langsam durch den Tag und legtet immer wieder Pausen ein, in denen ihr viel Zeit zu viert verbringen konntet. Als ihr in Conques ankamt, standet ihr zu dritt Spalier für Ornella und feiertet ihren Zieleinlauf, so wie ihr am Tag zuvor das Erreichen Deiner 1.600-Kilometer-Marke gefeiert hattet. Die herzlichen Umarmungen füllten Dich mit einem warmen Gefühl, das sich mit einer Schwere mischte, die Du nicht richtig greifen konntest. Ob es der Hunger war? Oder doch die vorauseilende Trauer über Ornellas Abschied?
Ihr wart alle hungrig, doch der Supermarkt machte gerade Mittagspause. Deshalb entschiedet ihr, in einer Bar auf Ornellas Zieleinlauf anzustoßen. Das erste Glas leerte sich schnell. Du merktest schon während des Trinkens, wie Deine Zunge lockerer wurde. Du zeigtest Dich und äußertest, dass Du nach dem zweiten Bier Conques an diesem Tag nicht mehr verlassen würdest. Die anderen grinsten und bestellten die nächste Runde. Nach dem zweiten Bier war klar, dass ihr nicht weitergehen würdet. Deshalb stießt ihr gleich danach noch mit einem dritten auf den letzten gemeinsamen Abend an.
Nach dem dritten Bier hatte endlich auch der Supermarkt geöffnet. Nach dem vierten hättest Du ihn nicht mehr aufrecht betreten können. Ihr gingt zum Einkaufen und bewegtet euch danach Richtung Campingplatz. Maarten hatte Dir vorgeschlagen, dass Du bei ihm im Zelt schlafen könntest; Ornella und Charlotte hatten ein Tarp dabei. Doch bevor ihr ans Schlafen dachtet, wartete noch der Pool des Campingplatzes auf euch. Das Wasser kühlte Deinen aufgewärmten Körper nach dem warmen Tag und half auch gegen Deine innere Hitze, die der Alkohol verursacht hatte.
In der untergehenden Sonne saßt ihr danach noch im Restaurant des Campingplatzes. Ihr hattet das Gefühl, dass ihr euch schon Wochen oder gar Monate kennt. Dabei wart ihr gerade mal zwei Tage gemeinsam unterwegs. „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst“ kam Dir erneut in den Kopf und Du musstest grinsen. Ihr stießt nach dem Essen ein letztes Mal auf euren gemeinsamen Weg an, bevor ihr im Zelt und unter dem Tarp verschwandet und euch eine gute Nacht wünschtet.
Am nächsten Morgen wachtest Du mit schwerem Kopf und schwerem Herzen auf. Auch Maartens Leichtigkeit konnte Dich an diesem Tag erstmal nicht abholen. Sein „Go with the flow“, das sich in den letzten beiden Tagen so natürlich angefühlt hatte, schien gerade nicht mehr in Dir zu existieren. Bis zum Frühstück schwiegst Du vor Dich hin. Ihr gingt gemeinsam zu einem Café, um ein letztes Mal gemeinsam das zu tun, was ihr in den beiden Tagen zuvor so hervorragend gemacht hattet: Kaffee trinken und quatschen.
Hier brach es aus Dir heraus: „Ich bin so traurig, dass Du gleich weg bist, Ornella, und gleichzeitig so dankbar, dass wir uns getroffen haben!“ Du läutetest damit eine Welle von gegenseitigen Liebesbekundungen ein. Danach fühltest Du Dich leichter, auch wenn der Abschied noch anstand. Du kostetest die letzte Umarmung mit Ornella aus. Als ihr euch umarmtet, spürtest Du ein warmes Gefühl um Dein Herz herum. Es flossen Tränen. Im Weggehen winktet ihr euch noch ein letztes Mal zu.
Auf den ersten Kilometern des Tages stieß Lauren, eine Freundin von Charlotte, zu euch. Es ging also doch zu viert weiter. Nach einem weiteren Kaffee und einem Beschnuppern der neuen Gruppenkonstellation waren Maarten und Du so in eurem Austausch vertieft, dass ihr bei einer Weggabelung einen anderen Weg wähltet als Charlotte und Lauren. So wart ihr den ganzen Tag zu zweit unterwegs und durchlieft in euren Gesprächen die vielen Kilometer, die ihr beide bis hierher schon in den Beinen hattet. Maarten war schließlich auch von zu Hause in den Niederlanden gestartet.
In Livinhac-le-Haut schlugt ihr Maartens Zelt auf dem Campingplatz auf und bewegtet euch danach zu Charlotte und Lauren in die örtliche Herberge, wo ihr gemeinsam kochtet und bei einem Wein den Abend ausklingen ließt. Die Verabredung für das gemeinsame Frühstück am nächsten Morgen stand und ihr hattet vereinbart, dass ihr auch den morgigen Tag noch gemeinsam verbringen und einen letzten gemeinsamen Abend zelebrieren würdet. Ihr begabt euch bei leichtem Regen ins Zelt und Du schliefst mit dumpfen Trommelgeräuschen auf der Zeltplane entspannt ein.
Da es die ganze Nacht hindurch regnete, baumelten am nächsten Morgen verschiedene nasse Kleidungsstücke an euren Rücksäcken, als ihr bei Charlotte und Lauren zum Frühstück ankamt. Ihr begrüßtet euch mit einem breiten Lächeln und warmen Umarmungen. Nach dem Frühstück fragte euch die Herbergsmutter, ob sie noch ein Gruppenbild von euch vier machen soll. Die Clownsnasen, die sie euch dafür anbot, zogt ihr lachend an und rücktet zusammen für die Kamera. „Lächeln!“
Als ihr vor die Tür tratet, hatte sich der Himmel geöffnet und die Sonne strahlte euch an. Mit diesem Strahlen im Gesicht bracht ihr auf in den letzten gemeinsamen Tag, der euch durch sattgrüne Wälder und über Anhöhen mit kilometerweiten Ausblicken führte. Das Unterwegssein in der Gruppe fühlte sich nach den drei Tagen an, als wäre es nie anders gewesen. Doch Du spürtest an diesem Tag auch, dass die Verbindung einen Preis hatte: Während Du in Deinem eigenen Tempo 40 Kilometer und mehr zurücklegtest, fühlten sich für Dich in der Gruppe selbst die letzten fünf von 25 Kilometern richtig zäh an.
Als ihr am späten Nachmittag in Figeac ankamt, richtetet ihr euch in einer örtlichen Herberge ein und machtet das, was Pilgernde tun, wenn sie ankommen: auspacken, Bett beziehen, Duschen, Wäsche waschen. Danach begabt ihr euch auf den Marktplatz von Figeac und setztet euch in die Abendsonne in ein Restaurant.
Beim Lesen der Karte grummelte Dein Magen mal wieder. Daran war nicht allein der Hunger schuld. Die Karte führte nichts Veganes. Du blättertest dreimal vor und zurück. Charlotte schaute Dich an. Sie las weiter. Dann schaute sie Dich wieder an. Sie schien die Verzweiflung in Deinen Augen zu sehen. Sie fragte, ob Du fündig würdest, und hatte wohl bereits erkannt, dass es nichts Veganes auf der Karte gab. Sie bot Dir an, mit dem Kellner zu sprechen, und Du nahmst ihr Angebot erleichtert an. Ihre Übersetzungsarbeit bescherte Dir einen Salat mit bitteren Wildkräutern und süßen Feigen.
Ihr genosst das Essen und die Gemeinschaft und saßt noch länger bei heiteren Gesprächen und trockenem Wein auf dem Marktplatz, bis die Abendsonne langsam hinter den Häusern verschwand. Als ihr euch zurück in Richtung Herberge bewegtet, fühltest Du auf einmal eine Genervtheit, die Du nicht richtig zuordnen konntest. Zunächst schobst Du sie auf das Herumalbern der anderen, dabei hattest Du selbst noch zuvor mit ihnen herumgealbert. Dann schobst Du sie auf die Wirkung des Alkohols: Die anderen schienen einfach zu viel getrunken zu haben. Du verabschiedetest Dich mit den Worten, Du seist sehr müde, und gingst Zähneputzen. Als Du im Bett lagst, spürtest Du die tiefe Trauer, die der bevorstehende Abschied in Dir auslöste.
Mit diesem Gefühl wachtest Du auch am nächsten Morgen auf. Die Genervtheit war weg und Du standest vor den anderen auf. Als sie zum Frühstückstisch kamen, begrüßtest Du Charlotte, Maarten und Lauren mit einem Lächeln auf den Lippen. Du spürtest die Schwere, mit der Dir die Worte über die Lippen kamen. Ihr frühstücktet zusammen. Ihr zögertet den Abschied hinaus, packtet eure Sachen zusammen und traft euch nochmal im Vorraum, um zu besprechen, wie eure Reisen weitergehen.
Dann tratet ihr gemeinsam vor die Tür. Innige Umarmungen leiteten einen leisen Abschied ein. Maarten empfahl Dir zum Abschied noch ein Musikalbum, sein Lieblingsalbum. „Wenn Du mit dem Flow gehen willst, hör Dir das an!“ Ihr schautet euch in die Augen. „Danke, mach ich auf jeden Fall.“ Eine letzte Umarmung, ein letzter gemeinsamer Moment. Im Weggehen drehtest Du Dich noch einmal um, winktest noch ein letztes Mal zurück.
Dann warst Du wieder alleine unterwegs. Deine Beine fühlten sich befreit an, leicht. Dein Körper zog Dich nach vorne und mit diesem Elan startetest Du in Deinen Tag.
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Wenn ich heute an die Zeit mit Charlotte, Ornella und Maarten denke, bewegen sich meine Mundwinkel automatisch nach oben. Für ein paar Tage haben wir eine Gemeinschaft gelebt, die sich warm und herzlich anfühlte. Ich habe auf diesem Stück meines Weges gelernt, dass ich Zugehörigkeit finden kann, wenn ich mich zeige. Die Abschiede waren schwer und trotzdem waren die Beine danach leicht.
Gibt es eine Begegnung in Deinem Leben, die nur kurz war und trotzdem etwas in Dir hinterlassen hat? Wenn Du magst, erzähl mir davon in den Kommentaren oder per Mail. Ich lese jede Mail und antworte persönlich.
Dieser Text ist zuerst in meinem Newsletter „Brief von Dom" erschienen. Wenn Du möchtest, dass ich solche Briefe künftig direkt in Dein Postfach schicke, kannst Du ihn unten abonnieren. Der nächste Brief wird direkt auf dem Blog veröffentlicht, da mir das Format für den Newsletter zu ausführlich geworden ist.
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